Blog I Google

Fluege.de und Google+: Wie man es nicht machen sollte

Bildschirmfoto 2012-11-12 um 00.49.13

Direkt vorweg: Ich mag Rainer Calmund! Die rheinländische Frohnatur zaubert mir mit seiner Art immer ein Lächeln ins Gesicht, wenn ich ihn in diversen TV-Spots sehe. So auch bei der neuen Werbung des Flugbuchungsportals Fluege.de, die momentan in gefühlt jeder zweiten Werbepause gesendet wird. Die Spots an sich unterscheiden sich nicht großartig vom üblichen „Wir sind die Geilsten!“-Gerede, ganz im Gegenteil. Was mich jedoch überrascht hat, ist die durchgängige Einblendung der Google+ Custom URL unten links im Spot. Sehen wir hier mit Fluege.de etwa DAS Google+ Musterbeispiel für deutsche Unternehmen?

Nein, weit gefehlt. So weit sogar, dass ich einen Artikel darüber schreibe (das kam zuletzt bei DRadio Wissen vor, die sich seitdem wirklich prächtig entwickelt haben!). Doch fangen wir von vorne an. Am 05.07.2012 startet die Google+ Seite von Fluege.de mit dem folgenden Beitrag:

Willkommen auf der offiziellen Google+ Page von fluege.de! Hier erwarten euch in Zukunft Neuigkeiten von Deutschlands größtem Flugbuchungsportal und Aktuelles aus der Flugwelt. Anschnallen! Wir starten!

Unnatürliches Fanwachstum bei schlechter Aktivitätsrate

Seit diesem Posting sind gute vier Monate ins Land gegangen und die Seite weist im ersten Moment respektable 9.354 Follower auf. Klingt nach einer vielversprechenden Entwicklung. Ist es aber nicht. Schaut man sich die Fans genauer an, so fällt auf, dass jeder Dritte kein Profilbild besitzt und auch im Allgemeinen relativ inaktiv scheint. Gut gehen wir dennoch davon aus, dass es die Personen wirklich gibt.

Die knapp 10.000 Fans in vier Monaten sind keine Glanzleistung, da sich Fluege.de in der sogenannten Super User List (kurz SUL) befindet, also der Liste interessanter Seiten und Personen, die neuen Google+ Nutzern zu Beginn vorgeschlagen werden. Die ganze Liste kann man über diesen Link einsehen, Fluege.de findet man im Bereich Reise & Automobil.

Daraus resultiert auch die verkürzte Google+ Adresse (google.com/+fluege), über die man sich scheinbar so sehr gefreut hat, dass man die Meldung auf diversen (Presse)-Portalen (hier oder hier oder hier) bekannt gab. Bei letzterem Link heißt es sogar: „Fluege.de gilt im Social Media in Deutschland als wegweisend“. Aha. Dann schauen wir uns doch die angepriesene Arbeit an. (Übrigens: Eine Facebook-Seite besitzt Fluege.de nicht. Nur einen Twitter-Account.)

„Wir ♥ Kroatien! Ihr auch? Dann klickt jetzt “+1”!“

Was im ersten Moment nach Teenie-Chat klingt, ist auf der Google+ Seite von Fluege.de gängige Praxis. Ein weiteres Beispiel gefällig? „Ihr habt Sonnen-Sehnsucht? Dann klickt jetzt „+1″…“. Das amerikanische Prinzip, die Nutzer mit einer Aufforderung zum +1en der Beiträge zu bewegen, klappte in beiden Fällen übrigens nicht. Um das Google+ Vorhaben von Fluege.de nicht an diesen zwei Beispielen festzunageln, möchte ich einen Blick auf die anderen Beiträge werfen.

10.000 Fans – Aber keiner hört zu

Ein Großteil besteht aus Bildern von Reisezielen inklusive sehr kurzem Infotext inklusive indirekter Aufforderung, doch direkt einen Flug zu dem angebotenen Ort zu buchen. Daran ist nichts verwerflich, schließlich möchte man irgendwo immer etwas verkaufen. Aber so wirklich förderlich ist es für die Entwicklung der Fluege.de Community auf Google+ nicht, was auch die nächsten Zahlen zeigen: Die letzten 10 Beiträge erhielten insgesamt nur 17 +1, 0 Kommentare und lediglich zwei Shares.

Die Top-Phase der Seite war vom Start am 05.07.2012 bis zum 24.07.2012. In diesem Zeitraum wurden 13 Beiträge veröffentlicht, wobei sich die Zahl der +1 30 – 38 schwankte, vor allem die Werte 37 und 38 kamen sehr oft vor, meist von ein und denselben Nutzern. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt.

Gesperrte Kommentare: Diskutieren verboten!

Kommen wir weg von den Zahlen. Wer Social Media als Unternehmen betreibt, tut dies oft mit dem Wunsch, in den Dialog mit den Kunden zu treten. Dialog bedeutet, dass man sich mit den Kunden unterhält und die starre Sender-Empfänger-Einbahnstraße in eine mehrspurige Autobahn in beide Richtungen umbaut. Auf der Google+ Seite von Fluege.de sucht man Kommentare jedoch vergeblich. Nicht etwa, weil die gut 10.000 Follower alle keine Tastaturen besitzen oder unwillig sind, etwas zu posten: Nein, die Kommentare wurden einfach bei allen Beiträgen gesperrt. Ein Kommentieren der Inhalte ist somit nicht möglich. Eigentlich ein Unding für einen Social Media Wegweiser.

Lösungsansätze: Was man besser machen könnte

Nach ganz viel Gemecker möchte ich natürlich Lösungsansätze anbieten, womit sich die Frage stellt, wie man den Kahn nun doch noch vor dem Untergehen retten könnte? Schritt 1: Ermöglicht Kommentare! Wenn ich nur stumpfe Werbung lesen wollen würde, dann könnte ich genau so gut auch meinen Spam-Ordern bei Google Mail durchforsten. Und da sind teilweise wirklich kreative Nachrichten dabei.

Indem man den Usern die Möglichkeit gibt, sich äußern zu können, ermöglicht man überhaupt erst die Chance, dass sie eine Verbindung zu der Google+ Seite aufbauen und dadurch gerne wiederkommen. Außer man hat Angst vor negativer Kritik, die man – mit Verlaub – mit wenig Google-Kenntnissen schnell im Netz über Fluege.de finden kann. Sollte die Angst wirklich bestehen, müsste man intern überlegen, ob Social Media dann wirklich Sinn macht.

Angenommen man würde die Diskussionen doch ermöglichen. Dann bräuchte man aber mehr als die bisherigen „Wir mögen Reiseziel XYZ“-Beiträge. Und das ist in dieser Sparte wirklich ein sehr dankbarer Themenbereich, bei dem man relativ schnell tolle Inhalte erstellen kann. Ein etwas längerer Bericht über die Malediven. Die Top 10 Reiseziele der Deutschen. Fragen zu der letzten Reise. Ich könnte noch mehr Ideen aufzählen, mit denen man die Nutzer einbinden könnte. Schließlich reist fast jeder Mensch gerne. Warum beschränkt man sich dann auf reine Werbepostings?

Lieber Calli, mach was dagegen!

Nachdem ich die Google+ Seite von Fluege.de intensiv angesehen habe, kann ich nur hoffen dass die Beteiligten in nächster Zeit sich doch auf die überall gepredigten Social Media Tugenden besinnen – oder aber zum Leidwesen der Nutzer weiter die Wir-Posten-Ihr-Müsst-Aber-Leise-Sein-Schiene fahren.

Vielleicht fragt sich der ein oder andere von euch ja, warum ich diesen Artikel überhaupt geschrieben habe. Das ist ganz einfach: Google+ wird durch die Werbung prominent in Szene gesetzt. Das finde ich wirklich toll und würde mir das auch von anderen Unternehmen wünschen. Aber: Wenn ein Google+ Neuling diese Seite als inhaltlichen Maßstab für das komplette Netzwerk nimmt, dann wird er sicherlich einen Teufel tun und Google+ keine Chance geben.

In diesem Sinne: Lieber Calli, mach was dagegen!

Philipp Steuer
Philipp Steuer
Hey, heiße Philipp Steuer und ich liebe Social Media. Egal ob YouTube, Snapchat oder Twitter - ich bringe Unternehmen dorthin, wo die Aufmerksamkeit ist. Erfahre hier mehr über mich oder besuch mich auf Twitter I Snapchat I Youtube oder Facebook+.